Beratung und Aktivierung – ein Gewinn für alle

Das in Karlsruhe geltende Programm „Beratung und Aktivierung“, das über das Sozialamt der Stadt umgesetzt wird, hat sich seit langem als zuverlässiges Instrument zur erfolgreichen Sozialisierung von Menschen bewährt, die Sozialhilfe beziehen und ihre Lebenssituation stabilisieren oder Unabhängigkeit erlangen müssen. 

Das Programm wurde am 1. Januar 2005 im Rahmen der Einführung des Zwölften Buches des Sozialgesetzbuches (SGB XII) ins Leben gerufen, als die Aufgaben der ehemaligen Sozialbehörde auf den heutigen Fachbereich Soziales und Teilhabe übertragen wurden.

Das Projekt wurde 2008 erstmals im Sozialausschuss der Stadt als „Aktivierungsprojekt nach § 11 SGB XII” vorgestellt. Sein Ziel ist es, eine „Abwärtsspirale” für Sozialhilfeempfänger zu verhindern.

Heute ist das Programm Teil der Arbeit des Fachbereichs Soziales und Teilhabe. Es umfasst verschiedene Aspekte: von psychologischer Unterstützung bis hin zur Hilfe bei der Suche nach einer Tagesbeschäftigung und der Teilnahme am kulturellen Leben der Stadt. 

Eine wichtige Rolle spielt das Programm „Beratung und Aktivierung” auch im Rahmen der Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde Karlsruhe. Nicht wenige Mitglieder der Gemeinde nehmen heute an diesem Programm teil.

Viktor kam 1998 aus der Ukraine nach Karlsruhe, die damals noch nicht Schauplatz eines brutalen Krieges war, aber eine schwierige und schmerzhafte Phase des Wandels durchlief, ausgelöst durch den Zusammenbruch der UdSSR und die Bildung eines unabhängigen Staates. Kurz nach seinem Umzug wurde Viktor Mitglied der jüdischen Gemeinde der Stadt. Heute ist er bereits 85 Jahre alt, aber als aktiver Mensch konnte und wollte er kein zurückgezogenes Leben führen. Die Teilnahme an dem Programm gab ihm die Möglichkeit, sich als nützliches Mitglied der Gesellschaft zu fühlen und seine sozialen Kontakte zu intensivieren. Viktor betont, dass gerade die verstärkte Sozialisierung der wichtigste Faktor und Anreiz für seine ehrenamtliche Tätigkeit war. „Ich fühle mich nicht nur psychisch, sondern auch körperlich besser“, sagt er. Dabei weist er darauf hin, dass unter den am Programm teilnehmenden Freiwilligen ein hohes Maß an gegenseitiger Hilfe herrscht: „Wenn ich mich zum Beispiel nicht gut fühle oder aus anderen Gründen an einem Tag nicht arbeiten kann, kommt mir immer jemand zu Hilfe. Die Kollegen springen für mich ein. Genauso bin ich immer bereit, meinen Kollegen zu helfen, wenn sie Schwierigkeiten haben.“

Das Besondere an dem in Karlsruhe umgesetzten Modell ist seine Menschlichkeit. Es ist ein Programm mit Herz, Wirkung und Weitsicht. Seine humanitäre Ausrichtung ist gerade jetzt, in einer sich schnell verändernden Gesellschaft, in der Fragen der Teilhabe, der psychischen Gesundheit und der Unterstützung bei der Organisation des Alltags besonders aktuell sind, besonders deutlich zu spüren.

Irina musste im Frühjahr 2022 vor dem Krieg in der Ukraine fliehen. Daher war ihre Ankunft in Deutschland spontan und ohne jegliche Vorbereitung. Vor dem Krieg lebte sie in Kiew. Der unerwartete Kriegsausbruch, die Bombardierungen und Beschüsse der Städte, der Schock, den diese Ereignisse auslösten, konnten nicht umhin, Spuren im Gemütszustand eines Menschen zu hinterlassen. Und dazu kam noch der Umzug in ein anderes Land mit einer fremden Sprache, fremden Sitten und Gebräuchen. Wie sollte man sich an diese Veränderungen gewöhnen? Wie kann man sich anpassen?  Hier erwies sich die Hilfe der jüdischen Gemeinde Karlsruhe, deren Mitglied Irina wurde, als sehr wichtig. Und diese Hilfe war nicht einseitig. Als aktiver, kreativer Mensch engagierte sie sich aktiv im Leben der Gemeinde. Auftritte vor älteren Menschen im Rahmen des Gemeindeprojekts „Signorina Café“, Teilnahme am Chor, Mithilfe bei anderen Projekten der Gemeinde. All dies wurde zu wichtigen Bestandteilen im Prozess der Anpassung und Integration von Irina. Seit einem Jahr nimmt sie als Freiwillige am Programm „Beratung und Aktivierung” teil. 

Gerade die Sozialisierung und Integration in das gesellschaftliche Leben von Karlsruhe und insbesondere in die jüdische Gemeinde wurden zur Hauptmotivation für Irinas Freiwilligentätigkeit. Für Menschen da zu sein und ihre positive Reaktion zu sehen, wurde für sie zu einem wichtigen Antrieb für ihre Integration. Aber auch die finanzielle Unterstützung der Freiwilligentätigkeit im Rahmen des Programms „Beratung und Aktivierung”, die die Projektteilnehmer erhalten, ist wichtig. Für Menschen mit geringem Einkommen ist sie ein wesentlicher Anreiz. 

„Gegenseitige Unterstützung, sich gebraucht und gefragt fühlen, unter Menschen sein” – das sind die Hauptargumente für Irinas Teilnahme am Programm „Beratung und Aktivierung”. 

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die Stadt Karlsruhe mit dem Programm „Beratung und Aktivierung“ nicht nur eine praktische, aus menschlicher Sicht wirksame, sondern auch wirtschaftlich sinnvolle Antwort auf die Probleme von Menschen gefunden hat, die soziale Unterstützung benötigen. Das Programm stellt für die Stadt eine wesentlich kostengünstigere Alternative zu anderen klassischen medizinischen oder stationären Dienstleistungen dar. Es hilft Menschen, ihre täglichen Aufgaben zu bewältigen, sich gebraucht zu fühlen und ihre Rolle in der Gesellschaft zu stärken. Auf diese Weise wirkt sie nicht nur Demenz und Depressionen entgegen, sondern beugt auch der Entwicklung von Abhängigkeiten vor – das ist auf allen Ebenen von Vorteil.

Marina kam 2024 aus Moskau (Russland) nach Karlsruhe. Ihr Umzug war nicht spontan. In Karlsruhe leben ihre nahen Verwandten. Dennoch hatte auch sie Probleme mit der sozialen Anpassung. „Kinder haben ihr eigenes Leben“, bemerkt Marina. „Sie haben sich über meine Ankunft gefreut und helfen mir sehr, aber ich möchte selbst ein aktives Mitglied der Gesellschaft sein und anderen helfen.“ Marina ist Pädagogin und hat über 30 Jahre lang an einer Schule gearbeitet. Als Mitglied der jüdischen Gemeinde engagierte sie sich auch als Freiwillige im Rahmen des Programms „Beratung und Aktivierung“. Derzeit arbeitet sie mit Kindern im Rahmen des Projekts „Kinderclub“ der Jüdischen Wohlfahrtsvereinigung Karlsruhe e.V. (Ewyew Welfare Association Karlsruhe e.V.).  Wichtig ist, dass dieses Projekt nicht nur auf Kinder von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde beschränkt ist, sondern sich an alle Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren richtet. Im Rahmen des Projekts wird insbesondere viel Arbeit mit Flüchtlingskindern aus der Ukraine geleistet, die derzeit die Mehrheit der Teilnehmer ausmachen. Wie Marina betont, sind die Möglichkeit, ihre pädagogischen Fähigkeiten und Fertigkeiten einzusetzen und den Kindern ein wenig von ihrer Herzlichkeit zu vermitteln, die Hauptmotivation für die Teilnahme an dem Programm.

 

Die Wirksamkeit des Programms „Beratung und Aktivierung” wird zu einem großen Teil durch das Gefühl der Nähe, Struktur und des Vertrauens erreicht, das bei den Teilnehmern entsteht. Sie helfen den Interessierten, einen verlässlichen Tagesablauf aufzubauen oder wiederherzustellen. Dabei berichten viele Teilnehmer von einer Zunahme

der psychischen Stabilität, neu gewonnener Lebensfreude und einer aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, was für Menschen, die vor dem Krieg nach Deutschland fliehen mussten, besonders wichtig geworden ist.

Lena kam im März 2022 aus Kiew nach Karlsruhe. Wie Hunderttausende andere Bürger der Ukraine wurde sie durch den Krieg aus ihrer Heimat vertrieben. Sich an einem neuen Ort zurechtzufinden, sich an Veränderungen anzupassen und sich in eine neue Gesellschaft zu integrieren, ist keine leichte Aufgabe. Aber Lena glaubt, dass der beste Weg, dieses Problem zu lösen, darin besteht, sich selbst nützlich zu machen. Deshalb hat sie sich von den ersten Tagen ihres Aufenthalts in Karlsruhe an aktiv in die Aktivitäten der ukrainischen Gemeinde eingebracht. Und später, als das Projekt „Kinderclub” ins Leben gerufen wurde, schloss sie sich dessen Arbeit als Freiwillige des Programms „Beratung und Aktivierung” an.

„Zuerst bat mich eine Freundin um Hilfe”, sagt Lena. „Und dann bin ich dabei geblieben. In der ukrainischen Ferrain gibt es in dieser Hinsicht genug Leute, dort bin ich nicht besonders gefragt. Aber hier gibt es viele Flüchtlingskinder aus der Ukraine, für die unser Club zu einem wichtigen Element der Sozialisierung geworden ist. Genauso wie für ihre Eltern.”

Abschließend ist es wichtig zu betonen, dass das Programm „Beratung und Aktivierung“ mehr als nur eine soziale Dienstleistung ist. Es ist keine Übertreibung, es als Ausdruck von

Nähe, Verantwortung und Zukunftsorientierung zu bezeichnen. Derzeit ist es ein zentraler Bestandteil der verantwortungsvollen Sozialpolitik der Stadt Karlsruhe. Dieses Programm zeigt, dass Menschen, die Hilfe benötigen, nicht nur im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen sollten, sondern auch selbst aktiv am gesellschaftlichen Leben beteiligt sein müssen. Dann bleiben sie mit dem richtigen Ansatz, einer strukturellen Organisation, Aufmerksamkeit und Begleitung ein wichtiger und wirksamer Teil unserer Gesellschaft.

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